Ernährung in der Suchtklinik – warum Genuss dazugehört

August 2026

In der Arbeit mit Menschen mit Suchterkrankungen zeigt sich schnell, dass Essen dort selten Nebensache ist. Wer über Jahre konsumiert hat, hat oft lange nicht regelmäßig gegessen. Nach dem Entzug kommt vieles gleichzeitig zurück: der Appetit, der Geschmackssinn – und häufig ein ausgeprägtes Verlangen nach Süßem.

Was in den ersten Wochen passiert

  • Wer über lange Zeit unregelmäßig isst, hat häufig Nährstofflücken – unter anderem bei Vitamin C, und Eiweiß.
  • Alkohol liefert Kalorien, aber kaum Nährstoffe. Das Gewicht sagt deshalb wenig darüber aus, wie gut jemand versorgt ist.
  • Süßhunger in den ersten Wochen ist sehr häufig und kein Willensproblem: Der Blutzucker schwankt, und das Belohnungssystem stellt sich neu ein.
  • Der Geschmackssinn erholt sich – Essen schmeckt plötzlich wieder intensiver.

Lebensqualität heißt: wieder schmecken dürfen

  • Genuss ist nicht das Gegenteil von gesunder Ernährung, sondern die Voraussetzung dafür, dass eine Umstellung überhaupt bleibt.
  • Genusstraining heißt: langsam essen, eine Sache bewusst wahrnehmen, den Tisch decken, im Sitzen essen.
  • Drei Mahlzeiten geben dem Tag ein Gerüst. Diese Struktur trägt auch nach der Klinik weiter.
  • Spaß gehört dazu: gemeinsam kochen, Neues probieren, Lieblingsgerichte nicht streichen.

Das Sättigungs-Duo: Eiweiß und Ballaststoffe

  • Eiweiß zu jeder Mahlzeit – Quark, Joghurt, Skyr, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch oder Käse – hält deutlich länger satt.
  • Ballaststoffe: rund 30 g pro Tag aus Vollkorn, Hafer, Hülsenfrüchten, Gemüse, Beeren und Nüssen. Langsam steigern und dabei ausreichend trinken.
  • Kombinationen, die im Alltag funktionieren: Haferflocken mit Skyr und Beeren · Vollkornbrot mit Hüttenkäse und Tomate · Linsensalat mit Feta · Gemüsepfanne mit Kichererbsen.

Sechs Tipps bei Heißhunger

  1. Nichts auslassen – alle drei bis vier Stunden etwas essen.
  2. Frühstücken Sie mit Eiweiß und Ballaststoffe statt nur mit dem Marmeladenbrot.
  3. Erst trinken: ein großes Glas Wasser oder Tee, dann zehn Minuten warten.
  4. Die Zehn-Minuten-Regel: Heißhunger ist eine Welle und ebbt wieder ab. Kurz rausgehen, Zähne putzen, jemanden anrufen.
  5. Süßes nicht verbieten, sondern einplanen: eine feste Portion, auf einem Teller, im Sitzen.
  6. Schlaf und Pausen ernst nehmen. Müdigkeit und Stress erzeugen Appetit, der nichts mit Hunger zu tun hat.

Ernährung im Arbeitsalltag

  • Ob Schichtdienst, Kantine oder Homeoffice: Der Rhythmus ist wichtiger als das perfekte Rezept.
  • Vorbereiten statt improvisieren – zweimal pro Woche eine größere Menge kochen.
  • In der Kantine der Reihe nach: erst Gemüse oder Salat, dann Eiweiß, dann die Beilage.
  • Eine Schublade mit Notfall-Snacks: Nüsse, Vollkornknäcke, Obst.
  • Die Wasserflasche sichtbar auf den Tisch stellen.

Prävention beginnt lange vorher

Dieselben Prinzipien wirken, längst bevor eine Diagnose im Raum steht: Ein stabiler Essrhythmus, genug Eiweiß und Ballaststoffe und ein entspannter Umgang mit Genuss entlasten Gewicht, Blutzucker, Darm und Stimmung gleichermaßen.

Dieser Beitrag ist allgemeine Information und ersetzt keine individuelle Ernährungsberatung.

Ein Projekt am Rande

Aus der Arbeit mit suchtkranken Menschen ist bei mir noch etwas anderes entstanden: In den vergangenen Monaten habe ich eine App zur MPU-Vorbereitung entwickelt – MPU Logik. Sie begleitet Menschen, die nach Alkohol- oder Drogenauffälligkeiten ihren Führerschein zurückbekommen möchten, strukturiert durch die Vorbereitung. Falls es für Sie oder jemanden aus Ihrem Umfeld ein Thema ist: meine-mpu-app.de

Projekt Nutri-Test: Mangelernährung früher erkennen

Schon lange ist in Fachkreisen die Problematik mangelernährter Patienten bekannt. Pirlich, Schütz, Norman (et al.) konnten 2006 in der „Deutsche(n) Studie zur Mangelernährung im Krankenhaus“ zeigen, dass jeder vierte Patient ein Risiko für Mangelernährung hat bzw. mangelernährt ist. Mangelernährte Patienten gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Der Europarat hat hierzu 2003 eine Resolution verfasst.

Deshalb arbeiten wir daran, die Digitalisierung von Ernährungstherapie voranzutreiben.

Patienten sollen durch eine neue Internetplattform einfacher und schneller Zugang zu einem Mangelernährungs-Screening und anderen Tools der Ernährungsberatung bekommen. Außerdem soll der Kontakt zu Ernährungstherapeuten und zur Online-Ernährungstherapie erleichtert werden.

Unser Ziel ist es, mangelernährte Patienten in Deutschland zu unterstützen. Durch eine frühzeitige Ernährungstherapie wird die Lebensqualität erhalten bzw. gesteigert, die Rekonvaleszenz kann verkürzt werden. Dadurch verkürzen sich die Liegezeiten im Krankenhaus, und der „Drehtüreffekt“ von Patienten kann verhindert werden. So können Ausgaben der Krankenhäuser reduziert werden.


Resolution des Europarats:
Europarat_Resolution_ResAP_2003_3_Ernaehrung_in_KH.pdf

Kasseler Erklärung:
2018-06-Kasseler-Erklaerung-Logos.pdf